Die Region zwischen den Tälern des Köllerbachs, des Fischbachs und des Sulzbachs war fast ein Jahrtausend lang, genau genommen bis zur französischen Revolution, dem Adel für die Jagd vorbehalten. Das Kind hat viele Namen, Historiker sprechen von Herrnwald, Fron- und Bannwald, Wildfuhr“ (Jagdgebiet) oder auch von „verwarntem“, also verbotenem Wald.
Hervorgegangen ist der heutige Saarkohlenwald aus einem mittelsaarländischen Waldgebiet, das in der großen Rodungsperiode zwischen dem 9. und dem 14. Jahrhundert. Den Bewohnern der angrenzenden Dörfer diente er als eine Art Gemischtwarenladen. In bestimmten vorgegebenen Waldbereichen (Nährwald) konnten sich die Bauern mit Brenn- und Bauholz versorgen, Gerbrinde gewinnen zur Verarbeitung von Leder und Wildbienenwachs für die Herstellung von Kerzen. Es gab wildes Obst und Pilze, Haustiere weideten dort, man erntete Stallfutter und jagte Wild.
Nicht so im Herren- oder Herrschaftswald. Mit Grenzsteinen markiert und später von einem Wildgatter gesäumt, wurden die Kernbezirke der „Cöllerthaler Waldungen“ für das gemeine Volk gebannt. Nur der Adel durfte sich dort mit seinen Gästen u.a. bei der der Hohen Jagd vergnügen.
Im Zentrum des gräflichen Jagdgebietes befand sich das Jagdschloss Philippsborn, (später Forsthaus Neuhaus).
Zur Grafschaft Saarbrücken gehörten elf Forste: der Pfaffenkopfer Forst, der Völklinger Forst, der Saarbrücker Forst, der Quierschieder Forst, der Holzer Forst, der Sulzbacher Forst und fünf weitere, die jedoch außerhalb des hier betrachteten Projektgebietes lagen.
Zunehmend bremsten Dorf- und Forstordnungen mit ihren Verboten und Beschränkungen das bäuerliche Wirtschaftsleben aus. Was mit zum Umsturz Anno 1793 beitrug. Französische Revolutionstruppen brannten das Saarbrücker Schloss und das Jagdschloss Phillipsborn nieder. Beim Einrücken fügten die französischen Truppen den Wäldern schwere Schäden zu. Die ehemals feudalen Forstgebiete gingen 1815 nach Vermessung durch die militärischen Ingenieure Tranchot und Freiherr von Müffling an die preußische Staatsforstverwaltung über. Der Herrschaftswald endete.
Der Preußische Staat trieb die Insdustriealisierung des Landes voran. Der Wald im Allgemeinen und so auch der Saarkohlenwald wurde vor allem als Rohstofflieferant für die heimische Industrie, Gewerbe und Kohlenbergbau genutzt – oder degradiert, je nachdem. Gesundheits- und Erholungseffekte spielten kaum eine Rolle. Alles drehte sich ums Holz, das plötzlich in riesigen Mengen benötigt wurde.
Aber nicht irgendein Holz. Die Eiche musste es sein. Mit großflächigen Kahlschlägen baute man die Buchenwälder zu Eichenwäldern um. Konnten doch nur sie geeignetes Grubenholz für die aufkommenden Bergwerke liefern. Aus dieser Phase resultiert der hohe Eichenanteil im gesamten Saarkohlenwald. Nadelhölzer hingegen spielten nur eine untergeordnete Rolle.
Der Begriff „Saarkohlenwald“ ist dem Saarbrücker Historiker Fritz Kloevekorn (1898-1964) zu verdanken. Er stellte damit erstmals den räumlichen Bezug eines Waldgebietes zum Bergbau her. In den folgenden Jahren wurde der Begriff in vielen Publikationen aufgegriffen.
Mit der Zeit veränderte sich der Blick auf den Wald. Statt als reiner Rohstofflieferant wurde er zunehmend als Ort der Erholung für Sport- und Freizeitaktivitäten wahrgenommen. Ölkrisen lenkten den Fokus auf nachwachsende Rohstoffe; und auch die zunehmende Umweltverschmutzung trug ihren Teil dazu bei. Seit 1988 wird der saarländische Wald naturnah bewirtschaftet.
So wandelte sich der Wald vom Herrschaftswald für wenige Auserwählte zum Bürgerwald für alle - rechtlich legitimiert durch das Bundeswaldgesetz von 1975, welches das freie Betreten festschrieb. Ideen des sanften Tourismus setzten sich durch. Wildnis-Pädagogik kam auf und fand immer mehr Freunde. Die kulturhistorischen Relikte erhielten die Wertschätzung, die ihnen regionalgeschichtlich zukommt.
Bereits 1988 fand im Saarland ein Paradigmenwechsel in der Waldbewirtschaftung statt. Um stabile und artenreiche Wälder zu erhalten, verzichtete man fortan auf Kahlschlag und Chemieeinsatz. Auf flächige Befahrung mit Zugmaschinen und auf Monokulturen. Im Bereich des Steinbachtals wurden Waldbiotope zum Anschauungsobjekt. Als dann die Ausweisung von Waldschutzgebieten und Urwald zur Rede stand, griff man auf diese Waldbiotope des Steinbachtales als Auftaktgebiet zurück. Schließlich wurde 1997 eine ca. 1000 ha große Fläche zum Urwald (vor den Toren der Stadt) bestimmt. Das Herzstück des heutigen Saarkohlenwaldes. Die Waldbaurichtlinien wurden stetig der (naturnahen) Waldbewirtschaftung angepasst.
Heute haben wir im Gebiet des Saarkohlenwaldes ein dreigeteiltes Bewirtschaftungskonzept, das sich ergänzt und nicht konkurriert. In der Mitte der Urwald, der flächig aus der Bewirtschaftung genommen wurden. Im Süden die seit 1988 betriebene und ständig angepasste naturnahe Waldbewirtschaftung und im Norden die „prozessorientierte Waldwirtschaft“ die sich stark an den natürlichen Abläufen der Natur orientiert und eine möglichst geringe Störung des Waldökosystems anstrebt. Alle drei Bereiche ergänzen sich, Erkenntnisse werden ausgetauscht, Erfahrungen geteilt, mit dem Ziel einen artenreichen Dauerwald zu entwickeln. Die „prozessorientierte Waldwirtschaft“ im Revier Quierschied, bei der vor über 25 Jahren das s.g. „Lübecker Modell“ Pate stand wird in Kooperation mit dem BUND Saar fortentwickelt. Das Revier Quierschied ist zudem Teil des vom BfN geförderten Naturschutzgroßvorhabens LIK-Nord (Landschaft der Industriekultur –Nord)
Anders als früher sind die Bürger eingeladen, diesen Prozess der Veränderung aus allernächster Nähe mit zu erleben und mit zu gestalten. Was gern angenommen wird: So ist es beispielsweise in vielen Saarbrücker Familien Tradition, mit Kind und Kegel in den Forst zu fahren, um sich einen zertifizierten Weihnachtsbaum selbst zu schlagen.
Auf Initiative des NABU Landesverbands Saarland wurden 1997 im Saarkohlenwald 375 Hektar Waldfläche aus der Bewirtschaftung genommen. Seitdem schweigen die Motorsägen, alles Holz verbleibt im Forst und man kann verfolgen, wie sich Wald natürlich entwickelt, wenn er die Chance dazu erhält.
Für das inzwischen auf rund 1000 Hektar vergrößerte Gebiet hob das Ministerium für Umwelt, Klima, Mobilität, Agrar und Verbraucherschutz zusammen mit dem SaarForst Landesbetrieb und dem Naturschutzbund (NABU) im Jahr 2002 das Projekt „Urwald vor den Toren der Stadt“ aus der Taufe. Womit sie etwas auf dem Kontinent Einmaliges schufen. Handelt es sich doch nicht nur um eine der wenigen großflächig nicht bewirtschafteten Waldflächen Europas, sondern insbesondere um einen Urwald im städtischen Ballungsraum.
Alte Buchen und Eichen, aber auch liegendes und stehendes Totholz prägen das Bild: Lebensraum für eine Fülle seltener Tiere und Pflanzen. Wie genau sich die Artendiversität inzwischen von einem bewirtschafteten Wald unterscheidet und wie sie sich weiterentwickelt, wird von verschiedenen Universitäten wissenschaftlich untersucht.
Für Waldbesucher bedeutet das Verbleiben allen Totholzes vor Ort aber auch: Obacht! Hindernisse könnten unterwegs den Weg blockieren, die überstiegen oder umrundet werden müssen. Das fördert nicht nur die Wildnis im Wald, sondern auch im Kopf.
Naturschutz und Bildungsarbeit genießen beim Urwaldprojekt gleichgroßen Stellenwert. Im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird viel auf die Beine gestellt, um vor den Toren Saarbrückens Wildnis immer wieder aufs Neue und mit allen Sinnen erlebbar zu machen. Regelmäßig erkunden Gruppen und Schulklassen den Urwald. Manche verbringen sogar einige Tage und Nächte im Wildniscamp, für alle Beteiligten stets ein unvergessliches Erlebnis.